Am Flughafen Chubu in Nagoya buchen wir unseren Inlandsflug so um, dass wir direkt von hier auf die Südinsel Kyushu fliegen können. Der Transfer zum anderen Flughafen Nagoyas bleibt uns also erspart. War bei der japanischen Fluggesellschaft JAL überhaupt kein Problem. Mit einer fast leeren Maschine kommen wir nach ca. eineinhalb Stunden auf dem Kumamoto Airport an. Dort klappt es endlich, japanisches Geld aus dem Automaten zu ziehen. Mit zigtausend Yen in den Händen gönnen wir uns das erste Sandwich, und… Bier.
“Kurokawa - a real treasure”. Schreibt der Lonely Planet-Reiseführer, den wir noch in Australien gekauft haben. Die Information über den Bustransfer dorthin sowie die Organisation der mehrstündigen Busfahrt quer über Kyushu in nordöstlicher Richtung sind perfekt. Wir werden beim Bushaltestellenaufseher angekündigt, dass wir nach Kurokawa ins Gebiet des größten aktiven Vulkans - Aso, fahren wollen. Der Aufseher wiederum verspricht, dies dem Busfahrer mitzuteilen, damit wir an der richtigen Stelle aussteigen. Selbst das Geld für die Busfahrt wird noch behände gewechselt, damit es in den Automaten passt. Und im Bus selber weist uns ein junges japanisches Pärchen auf die baldige Ankunft in Kurokawa hin.
“Welcome to Kurokawa Spa”, steht auf dem Ortsschild, immerhin auch in lateinischer Schrift. Ein verträumtes Örtchen am Lauf des gleichnamigen Flusses gelegen, der direkt aus dem großen Vulkangebiet im Hintergrund kommt. Aus jedem zweiten Haus steigt Dampf und Rauch auf. Diese Region mit ihren zahlreichen Thermalquellen und Naturbädern machte uns große Lust. Die Onsen genannten Bäder haben eine große Tradition und sind auch bei den jungen Japanern Kult. Vor dem eigentlichen Bad wäscht man sich ausgiebig und taucht dann nur mit einem kleinen Handtuch bedeckt in das heiße Onsen-Becken in der freien Natur.

Das junge Pärchen aus dem Bus lotst uns zum Touristenbüro, wo wir uns bei der einzigen, gebrochen englisch sprechenden Angestellten über Unterkünfte informieren. Kurzerhand fährt sie uns zu einem Ryokan, das über dieses Wochenende noch freie Plätze hat. Es gehört zu den traditionellen Ryokans mit hauseigenem Onsen. Der Check-in ist noch nicht möglich, also bringt uns die freundliche Dame erst einmal zu einem Tofu-Restaurant. “Das ist ja wie beim Japaner”. Schuhe ausziehen und rund um einer Feuerstelle Platz nehmen. Auf dem Holztablett, das wir bekommen, stehen bestimmt zehn Schälchen mit allen möglichen Leckereien. Der Tofu wird im heißen Wasser vor unseren Augen frisch zubereitet. Welch tolle Einstimmung!
Im Ryokan Okunoyu erwartet uns ein wahrer Traum. Der Empfangsbereich wie aus dem Bilderbuch, eine kleine Sammlung antiker Teetässchen, Girlanden papierdünner orangefarbiger Lampionblügen, frischer Blumenschmuck und allerhand sonstiges nett drapiertes Geschirr hinter Glas macht es gemütlich. Das Gepäck wurde bereits in unser Zimmer im ersten Stock gebracht. Richtige Betten zur Rechten und die klassischen Tatami-Matten zur Linken, abgetrennt durch Schiebewände, die mit Papier bespannt sind. Ein winziger Tisch und zwei Stühle, besser gesagt Sitzschalen, sind mittig angeordnet, dahinter ein kleiner Bereich mit einem Ikebana-Blumengesteck und einer Kalligraphie. Schiebetüren auch zum Balkon mit direktem Blick auf den Fluss Kurokawa. Fein säuberlich zusammengelegt ein blauer und ein roter Yukata. Dazu ein Schulterüberwurf aus Wolle, speziell für die kalte Jahreszeit. Söckchen mit Antirutsch-Noppen und Abtrennung nur für die große Zehe. Und kleine rote Schläppchen, deren Maximalgröße eher einem Spanier passt als mir. Für die Toilette mit beheizter Klosett-Brille gibt es separate Schläppchen, sehr wichtig und noch überall in Japan aktuell.

Der erste Weg geht sofort ins hauseigene Onsen. Im Yukata und mit einem speziellen kleinen Handtuch wandeln wir die Treppe hinunter in den Anbau. Dezent versteckt hinter roten und blauen Tüchern kommt der Eingang zum Vorschein, getrennt nach Männlein und Weiblein. Kaum ist die Schiebetüre wieder sanft verschlossen, weisen ausgezogene Schuhe darauf hin, dasselbe zu tun. Eventuell noch vorhandene Klamotten von Tagesgästen werden in einem Korb aufbewahrt, dann betritt man den nächsten Raum, in dem vor Dampf kaum etwas zu sehen ist. Schemenhaft ist eine Hand voll kleiner Bänkchen und Schüsseln erkennbar, davor in Hüfthöhe an der Wand jeweils Duscharmaturen und auf der Ablage überdimensionale Seife- und Shampoospender. Die Anordnung ist so, dass der vor dem Baden so wichtige Reinigungsprozess im Hocken erfolgen soll. Nebenan höre ich, wie eine Dame unter Gelächter vom Hocker plumpst. Nach der Reinigung geht es hinaus ins Freie, ins gemischte Becken. Beim Hinabsteigen ins Wasser wird das kleine Handtuch zusammengefaltet und auf den Kopf gelegt. Wahnsinn, wie auf Kalender-Fotos liege ich nun im Freien im heißen Wasser, schaue auf Bäume, den Bauch und eine kleine Höhle, in der sich noch ein Onsen verbirgt. Überall dampft es, herrliche Ruhe, Entspannung pur. Und ich habe nichts als ein kleines weißes Handtuch auf dem Kopf. Wie ein Japaner.
Wie verabredet, klopft es um halb sieben abends an unserer Tür. Die Abendzeremonie beginnt. Die Bedienstete schlüpft gekonnt aus den Hausschlappen und faltet sich grazil zu uns an den Tisch hinunter. Wir bekommen die ersten kleinen Schälchen mit Essen gereicht. Nach kurzer Zeit klopft es erneut und der nächste Gang wird serviert. Nach und nach stehen etwas zwanzig Gefäße unterschiedlicher Größe auf dem Tisch. Eines stilvoller zubereitet als das andere, sämtliche Schälchen haben unterschiedliche Form und Farbe. Miso-Suppe, Fisch, Muscheln und Algen, Tofu, Eierpudding, Pilze und Sprossen. Das Arrangement ist verführerisch aber unklar. Manche Speisen können wir entschlüsseln, andere wiederum lassen wir uns erklären. Hierfür wird extra der Junior-Chef gerufen. Sehr vieles ist eingelegt, süß-sauer, Fisch oder Gemüse und kalt. Über einem kleinen Stövchen lodert eine Suppe. Diese wunderbare, einzigartige Zeremonie erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei Stunden.

Wow!!!
Dieses kurze Foto-Video vermittelt einen weiteren Eindruck von Kyushu aus der Sicht eines jungen japanischen Touristen.